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Rückers - was ist das?

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Alle sieben Jahre wiederkehrender Frühlingsbrauch

 

Frühlings- und Fruchtbarkeitsfeste gab es früher in vielen Orten. Den Göttern, an die man damals glaubte, wurden Gaben und Opfer gebracht, um nach dem Winter Wachstum und Ernte zu sichern. Mit dem „Rückers“ hat sich in Laisa ein solcher Frühlingsbrauch aus heidnischer Zeit erhalten. Das Rückersfest wird alle sieben Jahre an Ostern gefeiert, seine Tradition lässt sich bis ins Jahr 1842 nachweisen, es ist aber wohl deutlich älter.

 

Symbol dieses Festes ist die Rückersfigur, ein pflügender Bauer mit Knecht hinter einem Gespann mit fünf Pferden. Sie stehen als Holzfigur in der Rückerszeit ab dem 9. März 40 Tage lang auf dem Dach des alten Laisaer Rathauses (heute Heimatmuseum).

 

Über den Ursprung des Festes gibt es verschiedene Deutungen: Eine volkstümliche führt das Fest auf die Rückkehr des Frühlings und der Fruchtbarkeit zurück. Dazu passt der Pflug in der Rückersfigur als Symbol für eine gute Ernte. Eine zweite Deutung geht auf eine christliche Legende zurück, nach der 40 römische Soldaten den Märtyrertod durch Erfrieren erlitten. Ihr kirchlicher Gedenktag ist der 9. März – der Tag, an dem der Rückers auf das Dach kommt. Eine nachträgliche Deutung erzählt, dass ein Bauer einst mit seinem Sohn und seinem Pferdegespann beim Pflügen auf dem Feld erfroren sei.

 

Seinen Namen könnte das Fest, das bis ins 19. Jahrhundert und heute noch auf Laisaer Platt „Riggers“ heißt, von „Rigr“ haben, einem Schutzgott aus der nordischen Mythologie, der wohl mit dem germanischen Gott Wodan gleichzusetzen ist.

 

 

Was bedeuten die Pferde?

 

Die Rückersfigur besteht aus einem Bauern hinter einem Pflug, der von fünf Pferden gezogen wird, und einem Knecht, der auf einem der Pferde sitzt. Sie symbolisieren germanische Gottheiten.


Die beiden Rappen sind Freya gewidmet, der Göttin für Fruchtbarkeit und körperliche Liebe. Die beiden Füchse sind Thor gewidmet, dem Gott des Donners. Er herrscht damit auch über die Ernte. Der Schimmel ist Wodan gewidmet, dem obersten Gott der Germanen. Er stand als Beschützer der Krieger. Bauer und Knecht als werktätige Landwirte sind dem Gott Thor zuzuordnen, da er als Wettergott mit der Landbevölkerung verbunden und für eine erfolgreiche und gute Ernte zuständig war. Der Pflug ist das Symbol der Erdenmutter, Frau Holle. Ihr zu Ehren veranstaltete man feierliche Umzüge
mit einem Pflug durch das Dorf und die Gemarkung und brachte ihr dieses Ackergerät als Weihegeschenk dar. Die Gottheit sollte dem Land in den ersten Frühlingstagen die Fruchtbarkeit und eine neue Segenszeit – sprich Erntezeit – bringen.

 

Höhepunkt des Rückersfestes ist die Versteigerung der konfirmierten und noch unverheirateten Mädchen des Dorfes, die in geheimer Sitzung durch die Laisaer Burschen stattfindet (siehe Mädchenversteigerung). Beim Rückersfest führt die Burschenschaft seit 1933 den Webetanz auf.

 

 

Seit wann gibt es das Rückersfest?

 

Glaubt man, dass die Pferde des Rückersgespanns germanischen Göttern gewidmet sind, dann stamm das Rückersfest aus heidnischer Zeit. Das musst aber nicht bedeuten, dass es vor Christi Geburt entstand. Denn auch noch im Mittelalter glaubten die Menschen an germanische Gottheiten und verehrten sie.

 

Nachweisen lässt sich aber folgendes:

Wenn man in dem 1925 erschienenen Heimatbuch „Mein Hinterland“ liest, heißt es: vor etwa 80 Jahren (das wäre im Jahr 1845) wurde der Rückers von den Eifaer Burschen gestohlen.

 

Geht man dem siebenjährlichen Rhythmus nach, kommt man auf das Jahr 1842 zurück. Weiter wurde im gleichen Artikel berichtet, dass der Rückers seitdem sieben Mal unangefochten auf dem Dache blieb; dann wäre er 1898 erneut von den Eifaer Burschen gestohlen worden.

 

Es ergibt sich folgender wahrscheinlicher chronologischer Ablauf: 1842 Rückersklau der Eifaer Burschen; wobei die Laisaer das Gericht zu Hilfe riefen. Belegt durch den Bericht in „Mein Hinterland“ von 1925 und den ‘Riggers’-Aufzeichnungen von Pfarrer Kammer (1851-1868) aus Kirchenbüchern (siehe unten). 1849, 1856

 

1863 in dieser Zeit macht Pfarrer Kammer seine Aufzeichnungen

 

1870 und nennt das Fest noch Riggers-Fest

 

1877, 1884, 1891

 

1898 erneuter Rückersklau der Eifaer Burschen, belegt wiederum durch einen Bericht in „Mein Hinterland“

 

1905, 1912

 

1919 schriftliche und mündliche Berichte

 

1926 schriftliche Berichte und Fotos

 

1933 schriftliche Berichte und Fotos

 

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Die ältesten Bilddokumente vom Laisaer Rückersfest. 1926 und 1933 stand der Rückers noch auf dem Dach der Gastwirtschaft "Zur Jägersruh", dort wurde auch gefeiert.

 

zwischenzeitlich Ausbruch des 2. Weltkrieges, dadurch keine Rückersfeste  

 

1950, 1957, 1964, 1971 schriftliche Berichte und Fotos

 

1978 Rückersfest und 1200 Jahrfeier fallen zusammen

 

1985, 1992, 1999, 2006 schriftliche Berichte und Fotos

 

 

 

Auszug aus der Chronik der evangelischen Kirchengemeinden Battenberg, Laisa und Holzhausen:


(Niederschrift von Herrn Pfarrer Georg Kammer 1851 – 1868)

 

RIGGERS  

„In Laisa herrscht um die Zeit, wenn es bald wieder an den Acker geht, von Alters her ein eigenthümlicher Brauch. Die ledigen Leute nämlich lassen sich einen Ackermann mit Pflug und Pferden schnitzen, welche auf einem Brett befestigt auf ein Hausdach gestellt wird. Was die ganze Sache bedeuten soll, welche Förmlichkeiten und Umstände gemacht werden beim Herumtragen, beim Hinauf- und Herunternehmen, darüber habe ich aus dem Gerede der Leute noch keine rechte Vorstellung gewinnen können.

 

Das Auffallende ist, dass die jungen Burschen aus den Nachbarsdörfern eine Art Neid oder Eifersucht über diesen s. g. Riggers auf dem Dach empfinden und denselben nächtlicher Weile zu entwenden suchen und sie triumphieren nicht wenig, wenn ihnen der Streich gelingt, während dann die Laisaer sehr niedergeschlagen sind und sich schämen, dass sie sich haben überlisten lassen. Es ist nun eine gewaltige Ehrensache für das ganze Dorf, den gestohlenen Riggers wieder zurückzustehlen.

 

Der letzte Riggersdiebstahl war den Eifaern gerathen. Sie bewachten nun ihre Beute so sorgfältig und wurden übermütig und verspotteten die armen Bestohlenen so sehr, dass diese in ihrer großen Noth sich keinen anderen Rath wußten, als dass sie bei Gericht Klage führten.

 

Das Gericht begab sich mit einem Postwagen nach Eifa, der Riggers mußte herausgegeben werden, wurde sodann auf das Wagendeck gestellt und unter dem Schall des Posthorns nach Laisa zurückgebracht zum Frohlocken sämtlicher Bewohner. Die Eifaer aber hatten die Kosten und den Ärger zu tragen. - Es ist vermuthet worden, der Ursprung von diesem Riggers-Gebrauch verliere sich in die Zeit des Heidenthums.“